Abenteuer am anderen Ende der Welt – Wandern mit Kleinkindern in Neuseeland

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Abenteuer am anderen Ende der Welt – Wandern mit Kleinkindern in Neuseeland

Wie jeden Morgen beendet unser Nachwuchs die Nachtruhe und das auf seine ganz spezielle Weise. Unsere Jüngste (gerade zwei Jahre alt) brabbelt ein paar zusammenhanglose Worte vor sich hin, die der Erstgeborene (stolze vier) gekonnt imitiert. Irgendwann glucksen beide munter vor sich hin und suchen über die Eltern hinweg krabbelnd den Kontakt zum Geschwisterchen. Ein herrliches Spiel, welches jedoch den Tag für uns meist viel zu früh beginnen lässt.

Die Enge in unserer bescheidenen Behausung stört niemanden. Im Gegenteil. Die Kinder lieben es in den Morgenstunden zu uns in den Schlafsack zu kriechen um uns noch näher zu sein. Der in gelbes Licht getauchte Raum ist ihre Höhle, gibt das Gefühl einer gleichbleibenden Sicherheit und Geborgenheit, die unsere Kinder sehr genießen und auf Reisen auch brauchen. So haben wir selbst mit Geburt der Kinder unsere Reiseform, nämlich mit dem Zelt unterwegs zu sein, nicht geändert. Das positive Echo der Kinder gibt unserer Philosophie Recht.

Heute nehmen wir uns nicht viel vor. Mal sehen, was sich verwirklichen lässt. Mit Kindern wird man automatisch zu einem minimalistischen und pragmatisch denkenden Menschen. Heroische Ziele verlieren an Bedeutung. Man gibt sich mit dem Greifbaren, dem Machbaren, zufrieden – alles andere führt einen unweigerlich an seine Grenzen. Und diese bestimmen die Kinder – so ist es heute und wird es noch in den nächsten – sagen wir mal – fünfzehn Jahren sein.

Auf engstem Raum …

Mit einem kritischen Blick auf die Karte stecke ich im Geiste die heutige Route ab. Zwei, vier, „Nein Clara, die Karte kannst du jetzt nicht zerknüllen! Die brauchen wir noch. Hier, nimm deinen Schmusehasen zum Spielen!“ Ein grauer Hase fliegt an mir vorbei durch das Zelt und weckt nun auch noch den letzten Halbschlafenden – meinen Mann. „Sechs Kilometer, knapp sieben“, kommentiere ich gedankenverloren die trotzige Aktion meiner Kleinen, während mein Mann mich mit einem verschlafenen Blick müde anlächelt. Doch schon ist der Hase auf dem Rückflug. Das ist der Startschuss für eine wilde Schmeißerei aller möglichen Gegenstände, die sich in diesem engen Raum finden lassen. Mit dem Wissen, dass es alles ungefährliche Sachen (auch für das Zelt) sind, räumen die Eltern das Feld, um das Frühstück zuzubereiten und noch ein wenig Ruhe für sich selbst zu haben.

Es ist wieder einmal ein herrlicher Tag, der uns begrüßt. Die Sonne scheint vom wolkenlosen tiefblauen Himmel. Herz, was willst du mehr! Es gibt ein ausgedehntes Frühstück, schätzungsweise zwanzig Ermahnungen in verschiedene Richtungen, eine kurze Katzenwäsche, ein paar Tränchen, liebevolles Trösten, noch eine etwas schärfere Ermahnung (das müsste jetzt aber mal für einige Minuten reichen), packen, (“Wo ist denn nur der Schnuller?”), langes kramen und wühlen, und dann kann es – nach gefühlten zwei Stunden – endlich losgehen.

Wir befinden uns in einem der vielen grünen Täler der eiszeitlich geprägten Marlborough Sounds am nordöstlichen Zipfel der Südinsel Neuseelands. Die weitverzweigten Meeresarme können mit einem sonnenreichen und milden Klima aufwarten. Eine Wettererscheinung, die man im eigentlich eher regnerischen Neuseeland selten vorfindet. Darum ist der maritime Nationalpark bei Besuchern wie Einheimischen gleichermaßen beliebt. Zahlreiche Wanderwege durchziehen die üppig bewaldeten Fjorde und dazwischen laden immer wieder kleine malerische Strände zum bootfahren, baden oder einfach nur zum faulenzen ein. Die kurzen Distanzen der Wanderwege mit den vielen schönen Rastmöglichkeiten erlauben es Wanderern, die keine langen Tagesstrecken zurücklegen können, eine abwechslungsreiche und attraktive Tagestour zu unternehmen. Wir sind dafür das ideale Klientel.

Rücksicht auf die Kleinsten nehmen

Am Startpunkt unserer heutigen Tour jedoch gibt es ein paar kleine Unstimmigkeiten über das Vorhaben. Unser Sohn bockt. Er möchte nicht laufen. Schon gar nicht, wenn seine jüngere Schwester die Option erhält, auf den Schultern getragen zu werden – was wir ihm bisher verweigert haben.

Okay! Erst einmal Ruhe bewahren, denke ich bei mir. Wir wissen ja, wie man die Lebensphase, in der sich unser Sohn gerade befindet, nennt: “Trotzphase”. Wir versuchen es auf die pädagogisch wertlose Art. Er wird mit Gummibärchen geködert. Das geht ein paar Meter gut. Doch als die Tüte leer ist (“Warum habe ich nur keine XXL-Tüte gekauft!”) fängt er wieder an zu motzen. Wir zerren und schieben ihn abwechselnd ein wenig mit. Das sieht dann so aus: Zwei Schritte nach vorne und fünf zurück. Nein! So geht das wirklich nicht! Wir beschließen, die Sache einfach auszusitzen, schlagen ein provisorisches Lager am Straßenrand auf und trinken einen Tee.

Nach wenigen Minuten hält ein Pickup an. Der nette Kiwi (so nennen sich die Neuseeländer gerne selbst) fragt, ob wir Hilfe brauchen. Na ja, das schon. Aber wir glauben nicht, dass der nette Mann uns wirklich helfen kann.

Weit gefehlt. Er kann. Munter erzählt er uns, dass er gerade auf dem Weg zu seiner Farm ist. Dort werden heute Schafe geschoren. Mit einem Blick auf unseren Nachwuchs fragte er, ob wir nicht Lust hätten, das unseren Kindern zu zeigen. Es wäre auch gleich hier in der Nähe. – Ja, klar! Warum nicht! Allemal besser, als hier am Straßenrand zu sitzen. Nach einer wirklich sehr kurzen und holprigen Fahrt auf der Ladepritsche seines Pickups, die unseren Kindern einen Heidenspaß bereitet hat, haben wir die abgelegene Farm erreicht. Zum ersten Mal in ihrem Leben können unsere Kinder live sehen, wie Schafe geschoren werden. Mit ungläubigen – ja fast verstörten – Blicken verfolgen sie, wie die Tiere „ausgezogen“ werden. „Mama, die machen ja die Schafe ganz nackt“, kommentiert unser Sohn das Geschehen mit fasziniertem Interesse.

Schaukeln bis ans Ende der Welt ….

 

Nach diesem aufregenden Erlebnis hat er ganz vergessen, dass er eigentlich nicht laufen möchte. Der nette Farmbesitzer erklärt uns den Weg zurück zum Startpunkt unserer ursprünglich für heute geplanten Tour. Über Schafweiden mit vielen „angezogenen“ Schafen geht es einen Hügel hinauf. Dort finden wir wieder Anschluss an den Wanderweg, der sich durch den Wald hinunter ins Tal schlängelt. Unten erwartet uns ein herrlicher Strand aus feinem Kies und vielen, vielen Steinen, die nur darauf warten ins Wasser geschmissen zu werden. Da es bereits Mittag ist und einigen von uns schon mächtig der Magen knurrt, beschließen wir eine kurze Rast. Kurz ist ja ein relativer Begriff. Vor allem, wenn man Kinder hat. Diese finden eine Tellerschaukel, die an einem großen Ast eines mächtigen Baumes befestigt ist. Wir Erwachsenen prüfen kurz die Dicke und Reißfestigkeit des Seils. Passt! Die Schaukel schwingt lange und weit in den Meeresarm des Fjordes hinein. Es ist für unsere Kinder ein unerschöpfliches Spiel, das für sie niemals Enden müsste. So genießen wir einfach die Zeit.

Am Abend sitzen wir wieder auf unserem wilden Campingplatz, der direkt am Ufer eines einsamen Fjordes liegt. Zum Abendessen gibt es frische Muschel. Von Kiwis haben wir gelernt, wie man sie bei Ebbe aus dem schlickigen Meeresboden puhlt. Die Kinder halfen bei dieser Aktion mit großer Begeisterung mit und haben dabei allerlei Tiere kennengelernt: Würmer, kleine Krebse, viele winzige Fische. Sogar einen Seestern entdeckten sie. Heute sind wir nach meiner Berechnung vielleicht ganze drei Kilometer, gelaufen. Eine klägliche Leistung! Mein Sohn krabbelt auf meinen Schoß. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sehr müde ist. Er möchte Schmusen. „Mama, schläft die Sonne hinter dem Berg da?“ Er deutet auf den atemberaubenden Sonnenuntergang, der den Fjord in flirrend goldenes Licht taucht. „Ja, mein Schatz. Das tut sie.“ – „Mama?“ – „Ja.“ Er kuschelt sich ganz eng an mich. „Heute hat es Spaß gemacht.“

Und wieder habe ich etwas von meinen Kindern gelernt: Den Tag nicht an seiner erbrachten Leistung zu messen, sondern an seiner Vollkommenheit.


Über die Gastautorin Christine Sinterhauf

Schon lange bevor die zweifache Mutter überhaupt an Familie und Kinder dachte, entdeckte sie ihre Liebe und Leidenschaft zum Reisen. Bereits in ihrer Jugend zog es sie, meist mit dem Fahrrad oder zu Fuß, in die Ferne. Zunächst bereiste sie viele Länder Europas und später auch weit über die europäischen Grenzen hinaus die Welt.

Mit Gründung einer Familie und Geburt des ersten Kindes sollte dies natürlich nicht anders werden und so erkundete die kleine Familie – ebenfalls auf individuelle Weise – zunächst einige Länder Europas, bevor es auf große Weltreise ging.

Mit der Elternzeit des zweiten Kindes erfüllte sich die junge Familie den Traum einer langen Auszeit und reiste ein Jahr lang durch die Welt. Danach waren sie jedoch noch lange nicht reisemüde, sondern vom Reisen »infiziert«, sodass bald viele weitere Reiseziele und Länder folgten. Mittlerweile verfügt die Autorin über eine vierzehnjährige Individualreise- und Outdoorerfahrung mit Kindern. Sie konnte mit ihrer Familie in dieser Zeit über zwanzig Länder in Europa, Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien auf Individualreisen entdecken. In den oft langen „Reisepausen“ arbeitet die freie Autorin in einem Förderzentrum für Kinder mit geistiger Behinderung.

Auf ihrer Website www.reise-kids.de berichtet sie über diverse Themen rund um das Individualreisen als Familie. Reiseberichte wie auch themenspezifische Artikel über Themen wie “Schwanger reisen”, oder “Reisen mit Jugendlichen”, als auch detaillierte Infos zu verschiedenen Ländern findet man auf www.reise-kids.de

Ich bin Mary Mattiolo

Lifestylehackerin, dreifache Alleingeburts-Mama von Freilernern, Schulabbrecherin, Querdenkerin, freiheitsliebend und vegan.

Seit Mai 2016 im Bus lebend und reisend unterwegs und Coach für:

  • Online-Business und Start-ups
  • Webdesign und Marketing
  • LifeStyle-Hacking
  • Auswandern und Freilernen

Ohne einen Cent oder andere Sicherheiten sind wir losgezogen. Alles was wir besitzen, haben wir dabei. Wir leben staatenlos und lieben es! Und auch Du kannst das – wenn Du es willst!

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